„Von Tibetern, die sich den Flammen übergaben, hinterlassene Zeugnisse“, von Tsering Woeser

Dienstag, 04.12.2012, 19:36 Uhr | Kategorie(n): News Allgemein, Widerstand in Tibet

Rikyo: Dzamthang Dzong, Amdo, (heutige Stadt Dzamthang im Bezirk Dzamthang, Präfektur Ngaba, Provinz Sichuan), Nomadin, drei Kinder, 33 Jahre alt.
Am 30. Mai 2012 verbrannte sie sich in der Nähe des Jonang Klosters von Dzamthang und starb auf der Stelle. Ihre Überreste wurden ins Kloster getragen, und später äscherten dort ansässige Tibeter ihren Körper feierlich ein.
Am 18. August 2012 ging dem Tibetischen Zentrum für Demokratie und Menschenrechte aus Tibet ihr Testament zu, das sie verfasst hatte, ehe sie in den Tod ging: „Möge die ganze Welt Frieden und das Glück erlangen!
Auf dass Seine Heiligkeit der Dalai Lama nach Tibet zurückkehren kann, Schlachtet keine Tiere ab und treibt keinen Handel mit ihnen, Stehlt nicht, sprecht Tibetisch, tötet keine lebenden Wesen, streitet nicht untereinander! Das Leiden aller Lebewesen auf mich nehmend, bitte ich Euch: Leistet keinen Widerstand, falls ich lebendigen Leibes in die Hände der Chinesen gerate! Seid einträchtig, pflegt die tibetische Kultur, Meine lieben Angehörigen, ich verbrenne im Feuer, Doch seid nicht niedergeschlagen ob meines Opfers“.
High Peaks Pure Earth übersetzte einen Blog-Eintrag von Woeser, den sie im August für die tibetische Sektion von Radio Free Asia geschrieben und am 12. September 2012 auf ihre Website gesetzt hatte.
Seit dieser Beitrag geschrieben wurde, gab es eine dramatische Flut von Selbstverbrennungen. Woeser hat kontinuierlich Informationen darüber gesammelt und sie auf ihrer Blog-Seite, über Twitter und Facebook verbreitet. Am 23. November übersetzte Global Voices diesen Blog-Eintrag von Woeser, in dem sie die „Letzten Worte von Tibetern, die sich selbst verbrannten“, zusammengetragen hatte.

„Die von den tibetischen Feuerhelden hinterlassenen Botschaften“, von Woeser

Vom 27. Februar 2009 bis zum 7. August 2012 haben 48 Tibeter in Tibet und drei im Exil lebende Feuer an sich gelegt, was eine Gesamtzahl von 51 ergibt. Neun davon waren Frauen, und 38 davon sind gestorben.
Bei so vielen Tibetern, die sich einer um den anderen selbst verbrennen, meinen viele Leute, sie täten dies angesichts der grausamen Realität aus einem Gefühl der Hoffnungslosigkeit heraus. Der Kalon Tripa Lobsang Sangay stellte einmal in einer Rede fest, dass Selbstverbrennungen im Zusammenhang mit den Wahlen der politischen Führung 2011 in Dharamsala stattfanden, damals ließen Tibeter in Tibet ihren Körper von den Flammen verzehren, um damit ihre Verbundenheit und die Einheit der Tibeter zum Ausdruck zu bringen.
Die Selbstverbrennungen von so vielen Tibetern können jedoch auf keinen Fall auf diesen einen Nenner gebracht werden. Sei es nun Hoffnungslosigkeit oder Hoffnung, diese Motive sollten nicht als gegeben hingenommen werden, und noch weniger sollten sie als Mittel betrachtet werden, aus dem man Nutzen ziehen kann, denn das wäre sehr respektlos jenen Tibetern gegenüber, die sich dem Feuertod hingaben.
Wenn die Gründe, warum jemand zu solch einer Tat schreiten kann, von einer Person genannt würden, die sich tatsächlich verbrannt hat, dann wären sie gewiss am überzeugendsten. Bis zum heutigen Tag liegen etwa 12 [inzwischen sind es 21] Abschiedsworte, Notizen oder akustisch aufgezeichnete Testamente vor, die die Feuerhelden zurückließen und die uns bekannt wurden. Das sind sehr kostbare Beweisstücke, selbst wenn wir sie uns nur von etwa einem Viertel all jener, die sich den Flammen überantworteten, vorliegen.
Tenzin Phuntsog, der am 1. Dezember 2011 den freiwilligen Feuertod starb, schrieb vier Zeilen:
„Wie können wir diesem totalitären Regime vertrauen, das uns verbietet, unseren buddhistischen Glauben zu praktizieren?
Wenn ich an all das Leid denke, das die gesamte tibetische Region und unser Karma Kloster dieses Jahr durchgemacht hat, dann kann ich einfach nicht länger warten und unbekümmert weiterleben“.
Und Lama Sobha, der sich am 8. Januar 2012 verbrannte und sofort starb, zeichnete sein Testament, von mehreren Minuten auf Video auf. Mit ruhiger deutlicher Stimme nennt er den Grund, aus dem heraus er sich zu dieser Tat entschloss:
„Ich begehe diese Handlung weder für mich selbst noch aus einem persönlichen Wunsch heraus, noch um der Ehre und des Ruhmes willen.
Ich opfere meinen Körper in fester Entschlossenheit und mit einem reinen Herzen,
Ebenso wie der Buddha seinen Körper einer hungrigen Tigerin mutig zum Fraß gab.
Alle tibetischen Helden haben ihr Leben aus ähnlichen Motiven und Grundsätzen geopfert.“
Jamphel Yeshi, der sich am 26. März 2012 in New Delhi verbrannte, hinterließ einen Brief, in dem er fünf sehr deutliche Forderungen stellte:
„Der Zweck, weshalb Tibeter in unserem 21. Jahrhundert ihren kostbaren Körper verbrennen, ist, dass die Welt von dem Leiden der sechs Millionen Tibeter erfahre, dass ihnen die grundlegenden Menschenrechte vorenthalten werden. Wenn Ihr Liebe und Mitgefühl habt, dann steht auf für das hilflose tibetische Volk!“
In der von dem jungen Nangdrol hinterlassenen Notiz und der Aufzeichnung von Choepak Kyap und Sonam kommt sogar noch deutlicher zum Ausdruck, warum sie sich selbst den Flammen anheimgeben:
„Weil wir nicht mehr unter diesen drakonischen Gesetzen weiterleben können, weil wir diese Qual, die keine Narben hinterlässt, nicht mehr ertragen können.
Weil das Leiden des tibetischen Volkes infolge der Verweigerung seiner Freiheit viel größer ist als die Tragödie der Verbrennung unserer Körper.“
Ich stelle die Umstände für jeden einzelnen tibetischen Feuerhelden zusammen. Kürzlich erklärte ich den Journalisten von CNN und anderen Medienvertretern: „Die Selbstverbrennungen der Tibeter sind keine Selbstmorde, sie sind freiwillige Opfer! Es sind diese unmenschlichen Kolonisatoren, diese schlimme Regierung, die die Körper buddhistischer Mönche und Laien in Flammen auflodern lässt, die sie dazu bringt, sich selbst zu opfern und zu protestieren!
Obwohl sie diesen Feuerbrand wüten sehen, diese lebenden Fackeln der Menschenrechte, schweigen die Chinesen und der Westen schweigt ebenso, die Welt schweigt. Angesichts dieser kontinuierlich brennenden Fackeln der Menschenrechte gibt es zumindest eine Stimme, die glaubt: Die Kette tibetischer Feuertode ist die größte politisch motivierte Welle von Selbstverbrennungen als eine Form des Protestes.
Auf der anderen Seite ruft es tiefen Schmerz und Verzweiflung hervor, wenn man sieht, wie sich Leute aus Protest selbst verbrennen. Am 7. März 2012 unterzeichnete ich gemeinsam mit dem in den USA ansässigen Arjia Rinpoche und dem Dichter Gade Tsering aus Kanlho in Amdo den folgenden Appell: „Aufruf an die Tibeter, die Selbstverbrennungen einzustellen: Schätzt Euer Leben hoch in einer Zeit der Unterdrückung!“. Doch unser Appell war vergeblich. Eigentlich war mir von vorneherein klar, dass es so sein würde, denn die Militärpolizei mit auf den Rücken gebundenen Feuerlöschern hat ganz Tibet überzogen, sie tun Übles, sie stiften Verbitterung. Nur, wenn sie aufhören, das zu tun, dann hören die Tibeter vielleicht damit auf, sich selbst zu verbrennen, und das ist eine nackte und unmissverständliche Tatsache.
Obwohl unser Aufruf ins Leere traf, möchte ich dennoch zum Ausdruck bringen, dass es viele Wege des Widerstandes gibt. Für uns sollten die Mittel für unseren Widerstand aus unserer eigenen Religion, Tradition und Kultur kommen. Als ein Beispiel möchte ich die vierzigtausend tibetischen Mönche nennen, die als Helfer herbeieilten, als das Erdbeben 2010 die Region Yulshul heimsuchte. Es ist dies eine Kraft, die gegen jedes Unglück und jede Katastrophe ankämpfen kann.

Übersetzung: Adelheid Dönges, Revision: Angelika Oppenheimer
Internationale Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM)
Arbeitsgruppe München
Bei den Übersetzungen handelt es sich um nicht autorisierte.
High Peaks Pure Earth, www.highpeakspureearth.com
4. Dezember 2012

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