Staatliches chinesisches Fernsehen: „Die Bewohner von Lhasa sind die glücklichsten von allen“

Sonntag, 06.03.2011, 22:02 Uhr | Kategorie(n): Allgemein

von Tsering Woeser

High Peaks Pure Earth übersetzte einen Blog-Eintrag von Woeser, den sie ursprünglich am 23. Januar für Radio Free Asia verfaßt hatte und den sie dann am 5. Februar 2011 auf ihrem Blog veröffentlichte. Darin knüpft sie an eine Thematik an, die sie bereits in früheren Essays wie „Happiness Under Gunpoint“ (1) und „What is Happiness?“ (2) behandelt hatte.

CCTV, das staatliche chinesische Fernsehen, behauptet, die Leute in Lhasa seien die glücklichsten von allen Bewohnern chinesischer Städte.

Alles begann mit einem Telefon-Interview mit ausländischen Medien, bei dem ich gefragt wurde, was ich von der Aussage „die Stadt mit den glücklichen Einwohnern“ halte. Ein solch unerwartetes „Geschenk“ gleich zu Beginn des neuen Jahres war für mich reine Ironie, und ich versuchte mir vorzustellen, wie die Leute in Lhasa wohl reagieren würden, wenn man sie mit so einer Behauptung konfrontierte? Ich lachte nur und stellte die Gegenfrage, wie man denn auch nur einen Schimmer von Glück empfinden könne, wenn man Tag und Nacht eine Waffe vorgehalten bekommt, wenn man überall von Scharfschützen verfolgt wird, auch wenn man nur zum Beten in den Tempel geht?

WoeserEin paar Tage später wurde diese absolut absurde Nachricht gesendet: Der Finanzkanal „CCTV Wirtschaftspanorama“ verkündete die Ergebnisse einer „Suche nach den glücklichsten Bürgern“, bei der Lhasa den ersten Preis gewann und mit dem Titel „Die Stadt mit den glücklichsten Bewohnern 2010“ ausgezeichnet wurde.

Ich erinnerte mich, daß dies nicht das erste Mal war, daß Lhasa als die „glücklichste Stadt“ eingestuft wurde. Ich suchte im Internet und fand bald heraus, daß diese Umfrage von dem größten Medienkonzern Chinas durchgeführt wird, und zwar schon das fünfte Jahr in Folge. Lhasa wurde das vierte Mal in Folge zur „glücklichsten Stadt“ erkoren, es war schon immer die Nr. 1 unter einhundert chinesischen Städten. Das einzige Mal, als Lhasa nicht auf den ersten Platz kam, stand es immerhin noch an dritter Stelle – und war dies eine Mal nicht gar 2008 gewesen? Wie jedermann weiß, bildete Lhasa den Startpunkt der Protestaktionen, die sich dann über ganz Tibet ausweiteten. Wenn die Leute in Lhasa also so „glücklich“ waren, warum hätten sie dann überhaupt protestieren sollen?

2008 waren die Menschen in Lhasa vielleicht nicht die „glücklichsten“, 2009 und 2010 waren sie jedoch wieder die „glücklichsten von allen“, was wirklich ziemlich seltsam ist. Die Han-Chinesen haben eine Redensart, die jene tadelt, die vergessen, was sie aus der Geschichte gelernt haben sollten: „Den Schmerz vergessen, sobald die Wunde geheilt ist“. Ist es denn möglich, daß die Bewohner von Lhasa schon nach so kurzer Zeit den mörderischen Terror von 2008 vergessen haben sollten und ihre Gesichter wieder gelächelt haben? 2008 mögen die Bewohner von Lhasa vielleicht nicht die „glücklichsten“ gewesen sein, doch in den letzten zwei Jahren waren sie wieder die „glücklichsten“. Wenn sie also so viel glücklicher sind als die Menschen in anderen Städten Chinas, warum gehen sie dann noch auf die Straße?

Letztes Jahr verbrachte ich über drei Monate in Lhasa und sah mit meinen eigenen Augen, daß Lhasa eine Stadt unter Militärkontrolle ist. Eines Tages sah ich in einem guten Wohnviertel im östlichen Teil der Stadt zuerst ein Propagandafahrzeug langsam vorbeifahren, das mit großen Lautsprechern und Bannern bestückt war. Aus den Lautsprechern krächzte die Stimme von Tseten Dolma, einer von den Behörden gekauften Sängerin: „Mag das Leben des tibetischen Volkes auch noch so bitter gewesen sein, die Bitternis hat ein Ende, die Bitternis wurde zur Süße, seit die Kommunistische Partei da ist…“ Und danach fuhren über 10 Fahrzeuge langsam vorbei: Ein Polizeiauto, dann fünf gepanzerte Fahrzeuge auf denen die Buchstaben XZ zu lesen waren, und die von 001-005 numeriert waren. Auf jedem standen vier Scharfschützen, die ihre Maschinengewehre auf die Straße vor ihnen richteten, danach fünf Kleinbusse mit Soldaten, die Gewehre und Schutzmasken trugen, und schließlich wieder zwei gepanzerte Fahrzeuge mit den Nummern 006 und 007.

Ein tibetischer Intellektueller, ein Kader im Ruhestand, kommentierte hierzu: „In den letzten zwei Jahren ist Lhasa mehr oder weniger zu einem zweiten Bagdad geworden, wobei die Han-Chinesen in den westlichen Vororten natürlich die Siedler sind. Überall wimmelt es von bewaffneten Soldaten, sogar auf den Dächern um den Jokhang Tempel finden wir bei Tag und Nacht Heckenschützen. Richten sie ihre Gewehre etwa auf protestierende Menschen? Sie richten sie doch ganz offensichtlich auf eine ganze Nationalität. Es ist ganz klar, daß die Tibeter eine starke Aversion gegen diese Regierung haben, sie wagen nur vor lauter Angst nicht, ihre Meinung laut zu sagen. Unterstützung vom Volk wird es keine mehr geben, mit der Einheit zwischen Tibetern und Han Chinesen wird es nie etwas werden“.

Ich hörte auch von zwei Tibetern, die sich das Leben nahmen, einer davon ein junger Arzt an einem Krankenhaus im Kreis Lhundrup im Bezirk Lhasa. Er war völlig verstört und tief niedergeschlagen, seit im März 2008 während der Demonstrationen so viele Mönche und Laien verhaftet wurden – und er erhängte sich letztes Jahr während des tibetischen Neujahrs in einem Hotelzimmer in Lhasa. Der andere war ein über 30jähriger buddhistischer Mönch der Gyudmed Tantra-Schule von Lhasa. Er litt entsetzliche innere Qualen, weil er täglich der patriotischen Erziehung unterzogen wurde. Er bat darum, daß man ihm erlaube, zum Meditieren in die Berge zu gehen, doch das Arbeitsteam schlug ihm seine Bitte ab. Im vergangenen August sprang er in den Fluß und ertrank.

Genügen diese zwei Beispiele etwa nicht, um zu zeigen, daß die Leute in Lhasa alles andere als „glücklich“ sind? Ich sehe noch die Journalistin von Phoenix TV, Hongkong, vor mir, die fünf Tage nach dem 14. März 2008 in einer Straße von Lhasa stand und lauthals verkündete, daß das Leben in der Stadt zur Normalität zurückgekehrt sei. Doch die sogenannten Lhasa-Leute, die sie interviewte, waren samt und sonders Han-Chinesen, was den Eindruck erweckte, daß Lhasa schon zu einer harmonischen Han-Stadt geworden war. Diese Journalistin ging offensichtlich sehr selektiv vor. Sie nahm von den in Lhasa wohnenden Tibetern überhaupt keine Notiz und stellte statt dessen die Han-Chinesen, die sie interviewte, als einheimische Bürger von Lhasa vor. Deshalb meine ich, daß jene „Lhasa-Leute“, welche laut CCTV die „glücklichsten Bürger“ seien, in Wirklichkeit gar keine Tibeter sind.

Peking, 23. Januar 2011

(1) 7. April 2010, „Glücklichsein unter Zwang oder Glück mit vorgehaltener Pistole

(2) 8. Mai 2010, „What is happiness

High Peaks Pure Earth, www.HighPeaksPureEarth.com, 14. Februar 2010

Übersetzung: Adelheid Dönges, Revision: Angelika Oppenheimer (Internationale Gesellschaft für Menschenrechte – IGFM)

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