Bern: Nachlese zur verhinderten Tibet-Kundgebung
Freitag, 30.10.2009, 10:46 Uhr | Kategorien: AktionenAuch bei Besuchen hoher Staatsgäste müssen Demonstrationen möglich sein: Dies hat der Berner Stadtrat gestern Abend mit grosser Einhelligkeit festgehalten.
Für Aussenpolitik ist der Stadtrat nicht zuständig, für die innere Sicherheit des Bundes ebenfalls nicht. Dennoch befasste sich das Berner Stadtparlament gestern Abend mit dem Arbeitsbesuch des chinesischen Premierministers vom 27. Januar 2009, wurde doch eine kleine Demonstration von Exil-Tibetern durch die Polizei recht unzimperlich verhindert. Die Fraktion GB/JA reichte ein Postulat ein, das fordert, die Meinungsäusserungsfreiheit müsse eingehalten werden.
Gemeinderat bot Alternativen an
Der Gemeinderat schrieb in seiner Antwort, der Bundessicherheitsdienst habe das Gefährdungspotenzial bei Wen Jiabao als «stark» beurteilt. Dies habe die Grundlage gebildet für die Einsatzstrategie. Die Demonstrationsfreiheit sei gewährleistet, müsse aber im Rahmen des Kundgebungsreglements erfolgen. Den Demonstrierenden seien Alternativen angeboten worden, welche diese jedoch abgelehnt hätten.
Lea Bill (ja) hielt als Postulantin fest, es sei ein Skandal, dass der chinesische Spitzenpolitiker überhaupt eingeladen worden sei. Sein Land verletze die Menschenrechte ständig.
Luzius Theiler (gpb) fand, der Gemeinderat verstecke sich hinter den Bundesbehörden. Vor der Abstimmung zur Vereinigung der Stadtpolizei mit der Kantonspolizei habe er beteuert, er könne auf die Einsatzdoktrin auch künftig Einfluss nehmen. Rolf Zbinden (pda), versicherte, er habe gar nichts gegen Personenschutz, aber dieser Einsatz habe weit herum Kopfschütteln ausgelöst.
Für die freie Ausübung der Volksrechte und gegen einen Kotau setzte sich Hans-Peter Aeberhard (fpd) ein. Einem Gast müsse klargemacht werden, dass hier Freiheit herrsche. Beim chinesischen Besucher habe aber die Devise gelautet: «Er soll nichts sehen, was ihn stören könnte.» Wenn der chinesische Politiker einen Wirtschaftsvertrag nicht unterschreibe, sei dies in Kauf zu nehmen.
SP: «Servile Haltung»
Von einer «servilen Haltung» gegenüber Polizei und Bundesbehörden sprach Ruedi Keller von der SP/Juso-Fraktion. «Wenn es nichts kostet, ist man gerne für Menschenrechte, aber bei einem Staatsbesuch ist man mutlos.»
Wo denn die Meinungsäusserungsfreiheit am 6. Oktober 2007 gewesen sei, riefen Peter Bühler (svp) und Jimy Hofer (parteilos) in den Saal. Die bewilligte SVP-Kundgebung sei damals genau von jenen blockiert und verunmöglicht worden, die jetzt für Demonstrationsfreiheit seien.
Der Stadtrat stimmte dem GB/JA-Postulat schliesslich mit 55 zu 9 Stimmen zu.
Nauses erste Bewährungsprobe
Polizeidirektor Reto Nause (cvp), der damals eine erste Bewährungsprobe bestehen musste, sagte, auch der Gemeinderat wisse um die Problematik in Tibet. Die Polizei habe sich bei den Demonstranten um Deeskalation bemüht und Alternativen angeboten, was diese aber ausgeschlagen hätten. Wenige Tage später sei eine bewilligte Pro-Tibet-Kundgebung durchgeführt worden.
Bei einem Besuch des chinesischen Staatspräsidenten im Jahr 1999 hatten tibetische Demonstranten auf einem Dach in der Nähe des Bundesplatzes Flaggen geschwenkt, was beim hohen Gast aus dem Reich der Mitte grosse Erbitterung auslöste.
Der Bund, 30.10.09, von Markus Dütschler (via tibetfocus)
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