Kelsang Gyaltsen ist unterwegs für den Dalai Lama: «Nur klare Zeichen gegen China helfen»

Samstag, 17.10.2009, 10:02 Uhr | Kategorien: Interviews

Vom tibe­ti­schen Hoch­land an den Zürich­see: Mit zwölf Jah­ren kam Kel­sang Gyalt­sen in die Schweiz, machte das KV und wurde Ban­ker. Bis ihn der Dalai Lama in seine Dienste rief.

AZ: Kel­sang Gyalt­sen, mit 8 Jah­ren flüch­te­ten Sie von Tibet nach Indien. Wie waren die Umstände die­ser Flucht?
Kel­sang Gyalt­sen: 1958 mar­schier­ten die chi­ne­si­schen Trup­pen in mein Dorf ein. Wir ver­such­ten zu Fuss, teil­weise zu Pferd, den Chi­ne­sen zu ent­kom­men. Die Flucht dau­erte sech­zehn Monate. Viele Tibe­ter wur­den ver­haf­tet oder ver­schleppt. Orte wur­den zer­bombt, Klös­ter geschlos­sen. Zu Beginn unse­rer Flucht hoff­ten wir noch, zurück­keh­ren zu kön­nen, wur­den aber immer mehr zurückgedrängt.

AZ: Heute, fünf­zig Jahre spä­ter, begeg­nen Sie den Chi­ne­sen erneut: Wie erle­ben Sie die Gesprä­che in Peking?
KG: Die Gesprä­che wer­den pro­fes­sio­nell geführt, Gefühle spie­len da kaum eine Rolle. Es macht mich betrof­fen, wenn die Chi­ne­sen unnach­gie­big und arro­gant auf­tre­ten und kein Ver­ständ­nis zei­gen für unsere Anlie­gen. Es macht mich trau­rig, anse­hen zu müs­sen, wenn Klös­ter in Tibet ohne Leben sind und wie Museen erschei­nen. Die Atmo­sphäre der Angst und Ein­schüch­te­rung macht mich betrof­fen. Ebenso, dass in den Städ­ten die Chi­ne­sen in der Mehr­heit sind.

AZ: Sie ver­han­deln mit der Pekin­ger Regie­rung. Haben Sie Hoff­nung, dass Frei­heit und Sou­ve­rä­ni­tät mög­lich sein wer­den?
KG: Ich will klar­stel­len, dass der Dalai Lama nicht die Unab­hän­gig­keit Tibets anstrebt, son­dern eine Auto­no­mie für das tibe­ti­sche Volk im Rah­men der Volks­re­pu­blik China. Letz­tes Jahr kam es in Tibet zu Volks­auf­stän­den. Zuerst demons­trier­ten Mön­che und Non­nen, dann Bau­ern, Noma­den, am Schluss breite Kreise unse­res Vol­kes. Auch wenn der Auf­stand blu­tig unter­drückt wurde, ist die Basis für die Fort­set­zung des Frei­heits­kampfs gelegt, auch wenn es viel­leicht noch zwei oder drei Gene­ra­tio­nen braucht, bis die Tibe­ter in Frei­heit und Würde leben können.

AZ: Gerade jün­gere Tibe­ter glau­ben nicht mehr, dass die gewalt­lose Poli­tik des Dalai Lama Erfolg haben wird.
KG: Der Dalai Lama geht kon­se­quent den Weg der Gewalt­lo­sig­keit und hat so viele Sym­pa­thien in der Welt. Natür­lich ver­stehe ich die Tibe­ter, die eine voll­stän­dige Unab­hän­gig­keit for­dern, ange­sichts des­sen, dass der Dalai-Lama mit sei­nem mitt­le­ren Weg kei­nen Erfolg gehabt hat. Auf der ande­ren Seite befin­det sich die chi­ne­si­sche Gesell­schaft in Ver­än­de­rung: Das Tibet-Bild vie­ler Chi­ne­sen hat sich in den letz­ten zwan­zig Jah­ren gewan­delt und wird posi­ti­ver wahr­ge­nom­men. Es wird die Zeit kom­men, wo die Sicht der gebil­de­ten und kri­ti­schen Chi­ne­sen Ein­fluss auf Peking neh­men wird.

AZ: Kürz­lich hielt es der Bun­des­rat nicht für nötig, den Dalai Lama zu tref­fen, als die­ser in der Schweiz weilte.
KG: Das war keine kluge Ent­schei­dung, der Bun­des­rat war hier­bei schlecht bera­ten. Das Anse­hen der Schweiz wird dadurch beein­träch­tigt. China hat Respekt vor Regie­run­gen, die stand­haft sind. Dem Druck nach­zu­ge­ben, stärkt nur die Hard­li­ner in der chi­ne­si­schen Füh­rung. Nur ein kla­res Zei­chen gegen­über China hilft.

AZ: Wie sind Sie Son­der­ge­sand­ter des Dalai Lama gewor­den?
KG: Ich begeg­nete dem Dalai Lama als Kind in Dha­ram­sala. Über zehn Jahre spä­ter kam es bei einer Grup­pen­au­di­enz zu einem Wie­der­se­hen mit dem geist­li­chen und welt­li­chen Ober­haupt unse­res Vol­kes. Danach folgte ich sei­nem Auf­ruf an die tibe­ti­sche Jugend in Europa, sich in den Dienst der tibe­ti­schen Regie­rung im Exil zu stel­len. So kam es, dass ich mich in sei­nen Dienst stellte, nach­dem ich in der Schweiz eine Banklauf­bahn anfing und im Kader der SBG, der heu­ti­gen UBS, landete.

AZ: Sie tref­fen Poli­ti­ker wie Angela Mer­kel und Nico­las Sar­kozy. Wel­che Auf­gabe beinhal­ten diese Tref­fen?
KG: Meine Auf­gabe ist es, die EU und andere Regie­run­gen in Europa zu einer enga­gier­ten und ein­heit­li­chen Poli­tik in der Tibet-Frage zu bewe­gen. Nur auf die­sem Weg ist es mög­lich, dass Bewe­gung in den Pro­zess kommt. Die Auf­gabe ist schwie­rig, weil Tibet vor der Beset­zung durch jahr­hun­der­te­lange Iso­la­tion kaum Kon­takte zu euro­päi­schen Län­dern und Regie­run­gen hatte. Im Gegen­satz dazu ist China eine Welt­macht gewor­den, vor allem in wirt­schaft­li­cher Hinsicht.

AZ: Erken­nen Sie Gemein­sam­kei­ten zwi­schen der Schweiz und Tibet?
KG: Oh, ja, schliess­lich han­delt es sich bei bei­den Natio­nen um kleine Berg­völ­ker, die von gros­sen Nach­barn umge­ben sind. Beide Län­der befin­den sich im Zen­trum, bil­den gewis­ser­mas­sen das Herz. Ich denke, die Abgren­zung zu den Nach­barn hat in bei­den Natio­nen zu einer star­ken Iden­ti­tät geführt. Beide Völ­ker sind stolz auf ihre Geschichte und Eigenständigkeit.

AZ: Wie neh­men Sie Unter­schiede im reli­giö­sen Leben wahr?
KG: Im Bud­dhis­mus ist alles ver­gäng­lich, nichts ist bestän­dig und besteht völ­lig unab­hän­gig aus sich selbst her­aus. Das Ich ist abhän­gig von ande­ren Phä­no­me­nen und Umstän­den. Das Fest­hal­ten an einem abso­lut unab­hän­gi­gen Ich führt nur zu Leid und Ent­täu­schung. In Europa dreht sich alles um das eigene Ich, das wie eine iso­lierte Welt erscheint. Der Euro­päer fragt sich bei einem Schick­sals­schlag, wieso er die­sen erlei­den müsse. Bud­dhis­ten ver­su­chen, das Schick­sal anzu­neh­men und ein Pro­blem als Teil des Lebens zu akzeptieren.

AZ: Was ist denn die Folge die­ser bud­dhis­ti­schen Hal­tung?
KG: Der Mensch ist eins mit dem Gan­zen und keine iso­lierte Insel für sich. Dies för­dert eine ganz­heit­li­che Sicht gegen­über dem Leben und der Welt. Doch auch in Europa ist eine Ver­än­de­rung des mensch­li­chen Bewusst­seins spür­bar: Die Men­schen im Wes­ten wer­den sich zuneh­mend bewusst, dass mate­ri­el­ler Wohl­stand allein noch kein sinn­er­füll­tes Leben ergibt.

AZ: Wie wür­den Sie denn die Schwei­zer beschrei­ben?
KG: Es nicht ein­fach, die Freund­schaft eines Schwei­zers zu gewin­nen. Doch die ist dann umso bestän­di­ger. Ame­ri­ka­ner und andere Men­schen sind im Gegen­satz zu den Schwei­zern zugäng­li­cher und begeis­te­rungs­fä­hi­ger. Doch bleibt lang­fris­tig oft wenig davon übrig. Die Schwei­zer sind in der Regel sehr zuver­läs­sig und hilfs­be­reit, was ich schätze. Ich habe nach mei­ner Ein­reise sehr viel Unter­stüt­zung erfahren.

AZ: Sie beglei­ten den Dalai Lama auf Rei­sen, tref­fen ihn zu Gesprä­chen. Wie wür­den Sie ihn beschrei­ben?
KG: Er ist ein zutiefst reli­giö­ser Mensch und kein Poli­ti­ker. Er ist über­aus gütig und humor­voll, aber sehr dis­zi­pli­niert und hart gegen sich selbst. Er ist acht­sam und kon­struk­tiv. Auf­fäl­lig ist, dass er auf alle Leute ein­geht, die ihm begeg­nen, ob es ein Staats­prä­si­dent ist oder ein ein­fa­cher Bür­ger. Wenn es einen Hei­li­gen gibt auf die­ser Erde, dann ver­kör­pert er ihn für mich.

AZ: Gibt es denn beim Dalai Lama keine nega­ti­ven Cha­rak­ter­ei­gen­schaf­ten?
KG: Er kann auch unge­dul­dig wer­den. Vor allem, wenn er auf unauf­rich­tige, arro­gante oder aggres­sive Ver­hal­tens­wei­sen bei Men­schen trifft. Da kann er harsch rea­gie­ren. Zum Bei­spiel, wenn die Sicher­heits­leute die Menge mit Gewalt zurück­drän­gen, um ihn zu schützen.

AZ: Wie erle­ben Sie den Dalai Lama im per­sön­li­chen Umgang?
KG: Sehr dis­zi­pli­niert, enga­giert, ziel­ge­rich­tet und ernst. Und gleich­zei­tig sehr hei­ter, gelas­sen und humor­voll. Selbst im Stress ist er dar­auf bedacht, dass das Licht in sei­nem Hotel­zim­mer gelöscht wird. Dem Dalai-Lama liegt die Umwelt sehr am Her­zen. So duscht er lie­ber, als ein Bad zu neh­men, um Was­ser zu spa­ren. Als ich ihm ein­mal ein feuch­tes Tüch­lein gab, damit er seine Brille put­zen könne, rei­nigte er gleich alle seine Bril­len, um das Tüch­lein gebüh­rend zu nut­zen. Diese Kon­se­quenz im täg­li­chen Leben zeich­net ihn für mich spe­zi­ell aus.

Aar­gauer Zei­tung, 10.10.09, von Magnus Lei­bund­gut (via tibetfocus)

Ähnliche Artikel:

Keine Kommentare

(Bitte eintragen)
(Bitte eintragen, wird nicht angezeigt)

Achtung: Mit dem Absenden Ihrer Nachricht erklären Sie sich damit einverstanden, dass alle eingegebenen Daten und Ihre IP-Adresse nur zum Zweck der Spamvermeidung durch das Programm Akismet in den USA überprüft und gespeichert werden.