Brief eines Studenten aus Amdo an die Menschen in aller Welt – Teil 4
Montag, 17.11.2008, 07:00 Uhr | Kategorien: specialDer folgende Brief wurde von einem Studenten aus der Region Amdo unter dem Pseudonym Rolang oder Zor verfaÃt; abschlieÃend drückt der Autor seine Hoffnung aus, daà er ins Englische übersetzt werde und bei internationalen Organisationen, den Vereinten Nationen und Tibet-Freunden auf der ganzen Welt Verbreitung finde. Der Brief wurde im Juli geschrieben, erreichte aber erst im Oktober die AuÃenwelt.
Hier folgt der  v i e r t e und letzte Teil dieses Briefes. Der gesamte Brief, auch im pdf-Format sowie auf Tibetisch als pdf-Datei, findet Ihr auf der IGFM-Website.
7. Heute ist der Internationale Tag des Kindes. Ãberall in der Stadt finden heute Veranstaltungen statt; und auch Trauerfeiern für die Opfer der jüngsten Erdbebenkatastrophe in der Provinz Sichuan. Die Kinder unserer Stadt zeigen bei einer Veranstaltung, die den Kindern aller Welt gewidmet ist, was sie können. Aber ich frage mich, ob die Kinder meiner Heimatregion auch diesen Tag feiern. Wenn alle Kinder unserer Region in gleicher Weise einen solchen Tag feiern könnten, der allen Kindern dieser Welt gewidmet ist, dann wäre das wunderbar. Die Tibeter haben ganz allgemein groÃen Respekt vor dem Leben, und dieser gilt allen Völker und Nationen auf dieser Welt ohne Unterschied. Deshalb empfinden wir auch echte Sympathie für die Verwandten der bei dem Erdbeben in Sichuan umgekommenen chinesischen Bürger. Trotz der unauslöschlichen Erinnerung an eine Geschichte von Feindschaft und Aggressionen zwischen dem tibetischen und dem chinesischen Volk dürfen wir den gewöhnlichen Leuten keine Schuld dafür zuweisen oder die Achtung vor ihrem Leben verlieren. Unsere Kinder werden an den Trauerfeiern am Internationalen Tag des Kindes natürlich teilnehmen. Aber die Regierung hat uns unserer Bewegungsfreiheit beraubt, sogar die Kinder. Wie kann man denn die Ereignisse dieser sogenannten âGewalttätigkeit, mutwilligen Zerstörung, Plünderei und Brandstiftungâ mit dem Internationalen Tag des Kindes in Zusammenhang bringen? Weshalb dürfen die Kinder hier in der Stadt feiern, die Kinder meiner Heimatregion jedoch nicht?
Die tibetischen Kinder werden zu den Trauerfeiern für die Erdbebenopfer gehen, aber sie werden den Internationalen Tag des Kindes nicht begehen können. Kinder überall auf dieser Welt könnten ihn ebensogut als einen Tag der Trauer wahrnehmen â wegen all der Ausbeutung und der Unterdrückung unseres Volkes und der Entwertung des Internationalen Tages des Kindes, sei sie nun offen oder verborgen.
8. In diesen Tagen vor dem Beginn der Olympischen Spiele freuen sich Sportler wie auch Zuschauer auf der ganzen Welt auf dieses GroÃereignis. Sie erhoffen sich alle erfolgreiche Spiele. Sollte die Olympiade nicht eine âallgemeine Plattformâ sein, die allen offensteht, die sich den erhabenen menschlichen Werten von Freiheit, Demokratie, Frieden und Harmonie verpflichtet fühlen?
Aber für die Tibeter, die unter chinesischer Vorherrschaft leben, ist die Olympiade ein toter Name. Für die Bewohner des Hochlandes ist sie nichts als ein fernes Versprechen. Auch in diesen Tagen werden wir weiter geknebelt, miÃhandelt und winden uns in Schmerzen, aber wir werden euer wunderbares Spektakel nicht sehen können. Es tut uns wirklich leid! Wir werden die gloriosen Früchte eurer Mühe und eures SchweiÃes nicht sehen. Was wir jedoch sehen werden, sind grausame MiÃhandlungen und schreckliche Strafen. Unser Land ist umstellt von chinesischen Soldaten, die ihre Gewehre und Kanonen auf uns gerichtet haben. Für uns werden die Olympischen Spiele nichts als Verhaftung und Tod bringen (Seit es zu dem Volksaufstand im März gekommen ist, sind groÃe Einheiten der Volksbefreiungsarmee in den tibetischen Gebieten stationiert worden, um âKriminelle zu bestrafen und das Volk zu schützenâ, wie sie es ausdrücken; doch in Wahrheit bedeutet dies nichts anderes als gewöhnliche, unschuldige Menschen zusammenzuschlagen und zu verhaften).
In Golok, Rebkong und Chentsa in der Provinz Qinghai, in Labrang, Tsoe, Amchok und Luchu in der Provinz Gansu, in Ngaba, Chungchu, Dzoege und Taktsang Lhamo in der Provinz Sichuan wimmelt es nur so von Soldaten. Die Bewegungen der gewöhnlichen Menschen werden strengstens kontrolliert, und besonders Mönche dürfen nicht umherwandern und von einem Ort zum anderen fahren, wenn sie keine Erlaubnis der örtlichen Behörden haben. Aufgrund dieser Umstände und weil die Preise für die täglichen Gebrauchsgüter so stark gestiegen sind, ist das Leben für die normalen Leute sehr schwer geworden.
Es ist ein tibetischer Brauch, im Sommer bei Vollmond auf den Berggipfeln zu beten und mit Pferderennen und anderen Veranstaltungen fünf oder sechs Tage lang zu feiern. In diesem Jahr wurden die meisten dieser Festlichkeiten in der Provinz Qinghai abgesagt. Statt dessen wurden an vielen Orten neue Polizeistationen errichtet und die Anzahl der Soldaten erhöht. AuÃerdem sind vielerorts Kameras installiert worden, um die Tibeter besser überwachen zu können. Vielleicht ist der Welt nicht bekannt, daà das Militäraufgebot auf dem tibetischen Plateau derzeit das gröÃte seit dem Ende des zweiten Weltkrieges ist â in treuer Befolgung von Maos Diktum âDie Macht kommt aus dem Lauf der Gewehreâ. Das stellt das eigentliche chinesische System dar und zeigt das wahre Gesicht des âSozialismus unter chinesischem Vorzeichenâ. Es bedeutet die Realisierung des Endzieles des chinesischen Staates, nämlich die sechs âautonomen Regionenâ mit seiner feudalen Kontrolle zu überziehen.
Die Art und Weise, wie die chinesische Regierung die tibetische Kultur bereits schon jetzt unterdrückt, schreit zu Himmel. Sie schränkt die Verwendung der tibetischen Schriftsprache von allen Seiten ein; die meisten, die eine leitende Position in Tibet bekleiden, müssen sie nicht erlernen, und diejenigen, die sie erlernen, können sie in diesen Tagen nicht mehr anwenden. Der Mehrheit der Tibeter könnte vergeben werden, daà sie sich dem fügt, denn obwohl die Regierung fortwährend betont, die Minderheiten hätten das Recht, ihre eigene Sprache zu sprechen, wurden uns diese Rechte in Wirklichkeit genommen.
Aber was auch immer geschieht, der unbezwingbare Mut des tibetischen Volkes kann nicht zerstört werden. Auch wenn sie uns in tiefste Dunkelheit stürzen, werden wir irgendwie und irgendwo einen Spalt finden, durch den ein wenig Licht hereindringt.
Blickt vorwärts, Menschen dieser Welt! Wir können die Meister der Freiheit, der Demokratie und der Gleichheit werden. In dieser Finsternis von Unterdrückung und Ausbeutung, wer auÃer uns könnte die Fackel der Hoffnung entzünden? Wir sind diejenigen, die die Morgenröte, welche einer langen dunkeln Nacht folgt, freudig begrüÃen werden! Ich danke allen!
Rolang (Zor), Amdo, Tibet, 26. Juli 2008.
Phayul, 13. Oktober 2008
www.phayul.comÃbersetzung: Melanie Pelka, Adelheid Dönges, Revision: Angelika Mensching
Internationale Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM)
Ähnliche Artikel:
- 15. November 2008: Brief eines Studenten aus Amdo an die Menschen in aller Welt – Teil 3
4. November 2008: Brief eines Studenten aus Tibet an die Menschen in aller Welt – Teil 1
9. November 2008: Brief eines Studenten aus Amdo an die Menschen in aller Welt – Teil 2
9. April 2008: Botschaft Seiner Heiligkeit des Dalai Lama an alle Tibeter
29. Juni 2007: Tibetische Jugendliche werden zur Indoktrinierung zwangsweise nach China