Brief eines Studenten aus Amdo an die Menschen in aller Welt – Teil 3

Samstag, 15.11.2008, 08:01 Uhr | Kategorien: special

Der folgende Brief wurde von einem Studenten aus der Region Amdo unter dem Pseudonym Rolang oder Zor verfaßt; abschließend drückt der Autor seine Hoffnung aus, daß er ins Englische übersetzt werde und bei internationalen Organisationen, den Vereinten Nationen und Tibet-Freunden auf der ganzen Welt Verbreitung finde.

Hier folgt der d r i t t e Teil dieses Briefes.

5. Menschen dieser Welt, seht ihr denn nicht, daß ein Volk sein Leben für Freiheit, Demokratie und Gleichheit hingibt, und daß die Antwort eines autoritären Regimes, dem es ausgeliefert ist, nur aus dem Lauf der Gewehre kommt?

Menschen dieser Welt, ist Euch bewußt, daß ganz gewöhnliche Menschen aus diesem Volk angekettet in dunklen Gefängniszellen vor sich hindämmern und um nichts weiter als Harmonie, Frieden und Wahrheit auf der Welt willen Repressalien und Mißhandlungen erleiden?

Wenn es den Eltern, denen ihre Kinder genommen wurden, wie kalter Wind um die Ohren pfeift; wenn die heißen Tränen verwitweter Frauen, denen ein Kugelhagel ihre Männer entrissen hat, wie herabfallende Felsen zu donnern beginnen, wenn der Sturm des nur mühsam unterdrückten Hasses auf die Mörder von Familienvätern zu heulen beginnt, dann mögen das Schluchzen und die leiderfüllten Klagen der Bewohner des Hochplateaus inmitten des wirbelnden Rauches zugleich eine Vorahnung der Morgendämmerung bringen, die auf die Finsternis der Nacht folgt, und ihre Augen für neue Hoffnung öffnen. Stöhnend vor bitterem Schmerz, mögen die auf dem Hochplateau Wohnenden inmitten des wirbelnden Rauches ihre Zähne in der Zuversicht zusammenbeißen, daß irgendwann diesem teuflischen Regime die Maske heruntergerissen werden wird.

6. Während die chinesische Regierung behauptet, unsere Menschenrechte und unsere Interessen zu wahren und zu achten, zertrampelt dieser Staat in Wirklichkeit das Leben der Menschen, ihre Stellung in der Gesellschaft und alle ihre besten Absichten und Bestrebungen. Von dem Augenblick an, in dem die Niederschlagung des jüngsten Aufstandes vollendet sein wird, werden die Tibeter zurückkehren müssen zu einem Leben in Sklaverei, von nun an jeder persönlichen Freiheit vollständig beraubt. Die chinesische Regierung verfolgt eine Politik der Einschüchterung all derjenigen, die der tibetischen Sache verbunden sind, und sie betreibt ihre Kampagne einer “Erziehung zur Knechtschaft”, die auf der unsinnigen Behauptung einer “sino-tibetischen Einheit” beruht oder der, “daß Tibet eine unabtrennbare brüderliche Nationalität Chinas“ sei. Sie erhoffen sich, daß sie die Tibeter zu blindem Gehorsam erziehen können, um sie dann komplett unter ihrer Kontrolle zu haben und nach ihrem Willen tanzen lassen zu können.

Sie werden ihnen verbieten, Bilder des Dalai Lama zu besitzen oder den Ausdruck „Größeres Tibet“ zu gebrauchen. Jegliche Verwendung dieses Begriffs oder das Zum-Ausdruck-Bringen einer solchen Sichtweise kann nur privat geschehen, weil dies nicht der Ideologie der Volksrepublik China (VRC) entspricht. Und diese Auffassung wird als Irreführung hingestellt werden, weil so etwas in der Geschichte Chinas oder Tibets niemals existiert habe. So hofft die chinesische Regierung, das Identitätsbewußtsein der Tibeter und das Streben des tibetischen Volkes nach Unabhängigkeit zu schwächen, damit sie die Politik der Sinisierung vorantreiben kann. Sie werden die tibetischen Beamten immer wieder zwingen, Seine Heiligkeit sowohl mündlich als auch schriftlich als „ethnischen Separatisten“ zu denunzieren. Sie werden dasselbe in allen Schulen und Colleges auf allen Ebenen tun und die Schüler und Studenten zwingen, das Dogma, daß Tibet ein unteilbarer Teil Chinas sei, endlos abzuschreiben. Insbesondere werden sie das tibetische Volk in seiner Gesamtheit dazu zwingen, dasselbe zu tun, obwohl es für es unbeschreiblich schwierig ist, sich gegen den Herrn des Friedens, der Liebe und der Wahrheit zu stellen. Von einer anderen Perspektive her gesehen: Bedeutet die Diffamierung des Dalai Lama, dieses höchsten Repräsentanten von Frieden und Menschenrechten, durch die chinesische Regierung nicht, daß sie die von allen geachteten menschlichen Werte gänzlich verwirft? Trampelt sie damit nicht auf dem Leben und den Rechten der Menschen herum?

In unserem Land haben die Menschen nicht einmal das Recht, den Namen des Dalai Lama auszusprechen. Ein jeder, der sich an ein solches Verbot hält, repräsentiert nicht die wirklichen Gedanken des tibetischen Volkes, sondern denkt nur an seine Bereicherung oder daran, seine Loyalität und Unterwerfung unter den chinesischen Staat unter Beweis zu stellen.

Von jungen Jahren an müssen wir die offizielle chinesische Geschichte auswendig lernen, in der Japan als Feind dargestellt wird. Dies scheint das eigentliche Ziel der chinesischen Regierung zu sein, weshalb sie junge Tibeter zum Studium ihrer Version der Geschichte verpflichtet: In der jungen Generation, besonders der Han, sowie der fünf oder sechs anderen Nationalitäten Ressentiments gegenüber Japan entstehen zu lassen, weil Japan China unterdrückt, ausgebeutet und Blutbäder veranstaltet hat. Doch obwohl sie sich so sehr bemühen, von unserer Kindheit an diese Ideen in uns einzupflanzen, hatten wir immer eine sehr positive Meinung über Japan und bewunderten sowohl den Mut der Japaner als auch ihre starke kulturelle Identität. Trotz der größten Bemühungen des chinesischen Staates haben wir, die junge Generation der fünf oder sechs Nationalitäten in der Volksrepublik China (VRC), den “Imperialismus” nicht mit Japan, sondern mit den Han-Chinesen assoziiert.

In der Geschichte vieler Völker dieser Erde gab es große Persönlichkeiten, die ihr Leben für die Freiheit, die Menschenrechte und die Gleichheit geopfert haben; ebenso hat es stets viele gegeben, die sich dem Kampf um Frieden und Wahrheit widersetzt haben. Wenn wir diese großen Gestalten der Geschichte nicht vergessen können, die edle und gerechte Taten vollbracht haben, wie könnten wir dann jene vergessen, die sich ihnen entgegengestellt haben und die sie von ihrem Weg abbringen wollten? Ihre großen Taten sind in die Annalen der Geschichte wie in Stein eingraviert. Auch in der tibetischen Geschichte gibt es eine ansehnliche Schar solch unvergeßlicher Größen, und natürlich auch solche, die nicht im Interesse des tibetischen Volkes gehandelt haben. [Viele regionale Fürsten und Stammesführer, religiöse Würdenträger und einige Staatsbeamte, so wie beispielsweise die gegenwärtige Inkarnation des Jamyang Zhepa, Mitglied des ständigen Komitees des NPC, stellvertretender Vorsitzender der Chinesisch-Buddhistischen Vereinigung, Rektor des Institutes für höhere Studien in chinesisch-tibetischem Buddhismus, stellvertretender Vorsitzender des ständigen Ausschusses des Provinz-Volkskongresses und Vorsitzender der provinzialen buddhistischen Vereinigung; Ngapo Ngawang Jigme, Vorsitzender der nationalen CPPCC (Chinese People’s Political Consultative Conference); Drongbu Tsering Dorje, Mitglied der CPPCC der Autonomen Region Tibet (TAR), Direktor der Forschungsabteilung der Akademie für Sozialwissenschaften der Autonomen Region Tibet (TAR), Gotseko, Vorsitzender des Disziplinarausschusses der Provinz Sichuan; und Tsepak Chap, Vize-Gouverneur der Provinz Gansu.]

Sie alle sind für den gräßlichen Betrug am tibetischen Volk während der gegenwärtigen Repressionswelle verantwortlich, und dafür, daß die Tibeter geschlagen und inhaftiert werden, um ihnen Furcht einzuflößen. Sie sind genau die Personen, die die Interessen des tibetischen Volkes verteidigen könnten. Weshalb also gehören sie nicht zu den Vertretern des tibetischen Volkes, die frei im Namen ihres Volkes sprechen? Eben in solch entscheidenden Momenten können wir sehen, wie viel ihnen der Erhalt ihrer einzigartigen Kultur und das Wohl ihres Volkes wirklich bedeuten. Wir wissen ganz genau, wie tief ihr übliches Lippenbekenntnis zu “Tibet” reicht. Während Männer mit starker Persönlichkeit sich mit Aufrichtigkeit und Würde für die Sache ihres Volkes eingesetzt haben, können wir trotzdem jene nicht vergessen, die es verleumdet und seine Existenz untergraben haben. Diejenigen, die eigentlich das tibetische Volk vertreten sollten, reiben nur Salz in seine Wunden. „Wie können wir, die neue Generation, vergessen, wie Ihr, während Ihr als die Repräsentanten Tibets fungiert habt, Euer eigenes Volk auf den leisesten Wink hin ausgeliefert und die Zentralregierung herbeigerufen habt, als es seine wahren Gefühle zum Ausdruck brachte? Die Geschichte wird nicht vergessen, wie Ihr diese unerträglichen Aggressionen und falsche Beschuldigungen über Euer eigenes Volk gebracht habt“.

Fortsetzung folgt…

Phayul, 13. Oktober 2008
www.phayul.com

Übersetzung: Melanie Pelka, Adelheid Dönges, Revision: Angelika Mensching
Internationale Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM)

Ähnliche Artikel:

Keine Kommentare

(Bitte eintragen)
(Bitte eintragen, wird nicht angezeigt)

Achtung: Mit dem Absenden Ihrer Nachricht erklären Sie sich damit einverstanden, dass alle eingegebenen Daten und Ihre IP-Adresse nur zum Zweck der Spamvermeidung durch das Programm Akismet in den USA überprüft und gespeichert werden.