Brief eines Studenten aus Amdo an die Menschen in aller Welt – Teil 2
Sonntag, 09.11.2008, 07:12 Uhr | Kategorien: specialDer folgende Brief wurde von einem Studenten aus der Region Amdo unter dem Pseudonym Rolang oder Zor verfaßt; abschließend drückt der Autor seine Hoffnung aus, daß er ins Englische übersetzt werde und bei internationalen Organisationen, den Vereinten Nationen und Tibet-Freunden auf der ganzen Welt Verbreitung finde.
Hier folgt der zweite Teil dieses Briefes.
3. Die Menschen in Kham und in Tso-ngön (Provinz Qinghai), denen die verabscheuungswürdigen Täuschungsmanöver und grausamen Strategien der chinesischen Regierung bekannt waren, veranstalteten “Friedensmärsche”, um ihrer tiefempfundenen Sehnsucht nach Freiheit und Demokratie Ausdruck zu verleihen, aber sogar dann noch wurden sie von der chinesischen Regierung als “Separatisten” und “Terroristen” hingestellt. Viele meiner tibetischen Brüder und Schwestern wurden bestialisch geschlagen und befinden sich noch heute in Haft (In der Region Kardze in Kham wurden die Nonnen von den chinesischen Soldaten so grausam geschlagen, daß etliche ihr kostbares Leben, verloren).
Viele Tibeter, Kinder, Alte, junge Leute, Frauen, an denen die Soldaten im Gefängnis ihre Mordlust und ihren Sadismus ausließen, gaben ihr Leben dahin für die Freiheit unseres Volkes und um der zukünftigen Generationen willen. Ein Tibeter berichtet über seine Zeit im Gefängnis: “Die Methoden, mit denen die chinesische Regierung unser Volk unterdrückt, sind unsagbar grausam. Doch was den Tibetern in den finsteren Gefängniszellen angetan wird, ist noch viel schlimmer. Als ich im Gefängnis war, sah ich, wie Soldaten die Tibeter schlugen und ermordeten; manche benutzten sie als Übungsobjekte für ihren Kampfsport; einige erstachen sie; andere pißten auf sie; wieder andere traten ihnen ins Gesicht und brachten sie dann um, viele wurden einfach erschossen.”
Das ist es, was man immer wieder von jenen zu hören bekommt, die sich in Haft befanden und mittlerweile wieder freigelassen wurden: die eindrucksvolle Schilderung von grausamer Unterdrückung und bestialischer Mißhandlung.
Am 16. März 2008 organisierten die tibetischen Bewohner, sowohl Mönche als auch Laien, an verschiedenen Orten der Provinz Qinghai, etwa in Rebkong und Chentsa, “Friedensmärsche” und andere Aktivitäten, mit denen sie sich aber durchweg im Rahmen des Gesetzes bewegten. Die chinesische Regierung setzte diesen jedoch sogleich ein Ende. Heißt es aber nicht in der chinesischen Verfassung, daß die Gewalt in der Volksrepublik China (VRC) beim Volke liege und das Volk die Gewalt auszuüben habe?
Es besteht kein Zweifel, daß es sich bei dem jüngsten Volksaufstand um friedliche Protestaktionen handelte, durch die das tibetische Volk seiner Sehnsucht nach Freiheit, Demokratie und Achtung der Menschenrechte sowohl mit Worten als auch mit Taten Ausdruck verlieh und gegen eine korrupte Regierung protestierte, die diese Werte mit Füßen tritt und der Gerechtigkeit den Rücken gekehrt hat.
Aus Empörung über eine Regierung, die aus Weiß Schwarz macht und die Wahrheit in Lügen verkehrt, erhoben sich die Bewohner von Ngaba am 16. März 2008. Obgleich diese Menschen ihre Parolen “friedlich und im Namen des Dalai Lama” riefen, behauptete die Regierung, daß dies nichts anderes als ein Ausbruch von „Gewalttätigkeit, mutwilliger Zerstörung, Plünderei und Brandstiftung”, ein “Aufstand gegen die Partei” und “gegen das Gesetz der Volksrepublik China (VRC)” sei und schickte die Bewaffnete Volkspolizei gegen die Demonstranten los. Mehr als 20 Menschen verloren dabei ihr Leben. Unter den Opfern befanden sich die Schülerin Lhundrup Kyi, die auf ihrem Weg zur Schule erschossen wurde, Tashi, der sich selbst das Leben nahm und so fort, alles in allem 20 junge Männer und Frauen. Viele Einwohner von Ngaba wurden von der Bewaffneten Volkspolizei unmenschlich geschlagen; wieder andere wurden bei der Schießerei verletzt und verstarben später, weil die Krankenhäuser sich weigerten, ihre Wunden zu behandeln. Die chinesische Regierung erklärte der Welt, sie “gehe mit der Situation in Tibet behutsam um”, doch dieser “behutsame Umgang” bedeutete für uns Schläge, Mord und Haft. Die chinesische Regierung ging sogar soweit, diejenigen die den größten Respekt für die menschlichen Werte der Freiheit, der Demokratie, des Friedens und der Gleichheit haben, zu täuschen und das Festhalten an der Wahrheit als verwerflich hinzustellen und diejenigen, die es dennoch taten, anzugreifen.
Menschen so lange zu schlagen, bis sie tot sind, ist etwas, wovon man im 21. Jahrhundert nicht einmal mehr hören sollte. Es erinnert an die Ära der “Demokratischen Reformen” [dem kommunistischen Terror Ende der 50er Jahre]; doch sind die Tibeter in Tibet heutzutage nicht nur exakt den gleichen Unterdrückungs- und Ausbeutungsmechanismen und Mißhandlungen ausgesetzt wie während der „Demokratischen Reformen“, sie haben auch genau dieselbe Art von Schlägen und entsetzlichen Folterungen zu erleiden, wie man sie aus der Zeit der Kulturrevolution kennt. So also ist es um die “brüderliche Liebe zu den tibetischen Massen” und die “große Sorge“ um sie bestellt, von denen die Partei so gerne spricht.
In dem Artikel “Welche Rechte haben wir wirklich?” heißt es: “Ein Mann in den 40ern, der zu dem Shikalo Hauswesen in Charo Xiang in Ngaba gehörte, wurde unter falschen Beschuldigungen derart brutal zusammengeschlagen, daß er starb. Zwei Mönche des Klosters Kirti, Tösam und Jinpa, setzten im Gefängnis ihrem Leben lieber selbst ein Ende, als noch länger der Brutalität der Sicherheitskräfte ausgesetzt zu sein. Wir hörten, sie hätten Abschiedsbriefe hinterlassen, doch weit davon entfernt, daß diese Dokumente ihren Familien und Freunden übergeben worden wären, bekamen sie noch nicht einmal ihre Leichen zu sehen.
4. In ähnlicher Weise gab es große friedliche Protestmärsche, bei denen die Leute nach Freiheit für Tibet riefen, in der Präfektur Golok, in Taktsang Lhamo und Thangkor in Ngaba, in Achi, Jam-mé, Chungchu, Zungchu, Dzamtang, Kardze, Labrang, Amchok, Tsoe und so fort. Doch die chinesische Regierung stellte alle als Akte von “Gewalttätigkeit, mutwilliger Zerstörung, Plünderei und Brandstiftung” hin, und beantwortete sie mit Angriffen auf das tibetische Volk und falschen Beschuldigungen. An einem einzigen Tag wurden 19 Mönche aus Taktsang Lhamo, unter ihnen der 16jährige Soepa, verhaftet, die Klosterschule wurde geschlossen und sämtliche religiösen Aktivitäten eingestellt. Drei Mönche des Klosters Jam-mé in Dzoegé, über 60 Mönche und Laien aus Thangkor und alle Mönche und Dorfbewohner des Dorfes Achi wurden verhaftet. Im Bezirk Chungchu wurden etwa 20 Studenten und 30 Mönche und Laien verhaftet, während in Ngaba 20 Personen getötet und ein großer Teil der Bevölkerung festgenommen wurde. Diese Zahlen wurden von Augenzeugen genannt, doch es hat vermutlich viel mehr Vorfälle gegeben, über die nichts bekannt geworden ist.
An Orten wie Labrang, Amchok und Tsoe schoß die Polizei mit Tränengas in die friedlich demonstrierende Menschenmenge und bedrohte sie mit ihren Waffen.
Als die Repressionen und die Übergriffe gegenüber dem tibetischen Volk jeden Tag schlimmer wurden, organisierten die Studenten des Northwest Nationalities Institute, die nicht mehr zuschauen konnten, wie die chinesische Regierung die Wahrheit in Lügen ummünzte und unschuldige Tibeter verhaftete, schlug und tötete, eine friedliche Demonstration unter dem Motto “Solidarität mit dem tibetischen Volk, für Demokratie und die Achtung vor dem Leben!” – Zum Zeichen der Trauer um ihre Landsleute, die niedergemetzelt, schlicht erschlagen oder erschossen wurden, und um der Sache unseres Volkes willen. Sie traten für eineinhalb Tage in einen Hungerstreik. Zur selben Zeit veranstalteten auch die Studenten der Central Nationalities University einen 4stündigen Hungerstreik, bei dem sie um die Tibeter trauerten, die um der Sache der Freiheit und Demokratie willen getötet wurden. Ähnliche Hungerstreiks organisierten auch die Studenten des Ausbildungsinstitutes für Lehrer in der Provinz Qinghai, der Southwest Nationalities University und des Ausbildungsinstituts für Lehrer in Barkham.
Diese Proteste der Studenten, die im Einklang mit dem geltenden Recht standen, richteten sich gegen eine Regierung, die die Rechte und Interessen ihrer nationalen Minderheiten mit Füßen tritt. Doch wieder setzte der Staat sie Ausbrüchen von „Gewalttätigkeit, mutwilliger Zerstörung, Plünderei und Brandstiftung“ gleich. Die Staatsmacht fiel über die Studenten her und viele wurden verhaftet. Es wurden Studenten des Ausbildungsinstitutes für Lehrer in der Provinz Qinghai und 14 Studenten aller Klassen des Barkham Institutes festgenommen. Unter ihnen befanden sich Konchok und Losang aus Ngaba; Rinchen Dorje und Drolma Chap aus Dzoege, Boechung aus Chung, und so fort. Einige dieser Studenten werden, wie beispielsweise Sadruk, einer der Studenten aus dem letzten Studienjahr, durch die Schläge, die ihnen versetzt wurden, für immer verkrüppelt bleiben. Es heißt, daß die verhafteten Studenten zu lebenslanger Haft verurteilt wurden. Fortsetzung folgt…
Phayul, 13. Oktober 2008
www.phayul.comÜbersetzung: Melanie Pelka, Adelheid Dönges, Revision: Angelika Mensching
Internationale Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM)
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