Brief eines Studenten aus Tibet an die Menschen in aller Welt – Teil 1

Dienstag, 04.11.2008, 06:55 Uhr | Kategorien: special

Der folgende Brief wurde von einem Studenten aus der Region Amdo unter dem Pseudonym Rolang oder Zor verfaßt; abschließend drückt der Autor seine Hoffnung aus, daß er ins Englische übersetzt werde und bei internationalen Organisationen, den Vereinten Nationen und Tibet-Freunden auf der ganzen Welt Verbreitung finde.

Hier folgt der erste Teil dieses Briefes. Der gesamte Brief, auch im pdf-Format, steht auf der IGFM-Website unter
http://www.igfm-muenchen.de/tibet/Phayul/2008/BriefRolang_Amdo_10.10.html

1. Wir Tibeter sind ein friedliebendes Volk und trotz der massiven Unterdrückung durch die chinesische Regierung werden wir es auch bleiben, und es wird niemals anders sein.

Wie die ganze Welt weiß, kam es am 14. März 2008 in Lhasa, dem Herzen des Schneelandes, zu einem friedlichen Aufstand der Tibeter, den die chinesische Regierung, wobei sie sich über die Tatsachen hinwegsetzte, der Welt als Ausbruch von „Gewalttätigkeit, mutwilliger Zerstörung, Plünderei und Brandstiftung in chinesischem Eigentum“ präsentierte. Um die gegen sie erhobenen Vorwürfe so weit wie möglich zu entkräften, behauptete die chinesische Regierung, die Unruhen seien von der Organisation der „Dalai Clique“ inszeniert worden, deren Absicht es sei, das Mutterland zu spalten. Als tibetischer Student, der sich den erhabenen Zielen von Freiheit, Gerechtigkeit, Gleichheit und Wahrheit für sein Volk verschrieben hat, der nicht mehr mit ansehen kann, wie das tibetische Volk bis zum Äußersten von der chinesischen Regierung drangsaliert wird, und der ihre Gewohnheit, die Wahrheit durch die Lüge zu ersetzen, ausdrücklich bloßstellen will, möchte ich hiermit, ausgehend von meinen eigenen Wahrnehmungen und Erlebnissen, der Welt eine Erklärung darüber geben, wie sich die Ereignisse in Wahrheit abgespielt haben.

2. Im Anschluß an die Volkserhebung in Lhasa am 14. März 2008 breiteten sich ähnliche Ereignisse in Windeseile wie ein Waldbrand über das ganze tibetische Plateau aus. Es war der Aufschrei eines seit über 50 Jahren geknechteten und unterdrückten Volkes, der Wunsch nach Freiheit und Demokratie, und dennoch präsentierte die chinesische Regierung ihn als einen bösartigen Akt des „Separatismus“ und „Terrorismus“, und nutzte die Gelegenheit, das tibetische Volk mit furchtbaren Repressalien zu überziehen und ein wahres Massaker an unserem Volk zu begehen. Das chinesische staatliche Fernsehen zeigte „Separatisten“, die auf unschuldige Chinesen einschlugen und sie ausplünderten und Geschäfte, Fahrzeuge und öffentliche Gebäude in Brand setzten. Es zeigte aber nicht, wie chinesische Sicherheitskräfte die Tibeter übel zurichteten, wahllos in die Menschenmenge schossen, und unschuldige Bürger verhafteten, gleichgültig, ob diese an den Demonstrationen beteiligt gewesen waren oder nicht, um sie dann mit ihren Waffen zu terrorisieren.

Für viele Tibeter, die sich zu der Zeit in Lhasa aufhielten, ist es kein Geheimnis, daß diese Exzesse der „Gewalttätigkeit, der mutwilligen Zerstörung, der Plünderei und Brandstiftung“ von Mitgliedern der Volksbefreiungsarmee inszeniert worden sind, und es gibt Leute, die das mit eigenen Augen gesehen haben. Man könnte glauben, daß ich so etwas aus blinder Loyalität zu meinem Volk schreibe, doch ist dies tatsächlich so passiert. Kaum war es in Lhasa am 14. März zu Problemen gekommen, befahlen die Behörden zehn Soldaten sich als Mönche zu verkleiden und die Bevölkerung zur „Gewalttätigkeit, mutwilligem Zerstörung, zur Plünderei und Brandstiftung“ aufzuhetzen (Einwohner aus Lhasa sagen sogar, es seien 30 Soldaten gewesen, die als Mönche verkleidet waren, und Bilder von ihnen kann man noch immer im Internet sehen. Es habe sich dabei hauptsächlich um chinesische Angehörige der Streitkräfte gehandelt, einige Hui Moslems seien auch darunter gewesen. Man mag eine solche Behauptung als unsinnig ansehen, doch diejenigen, die zu den Taten aufhetzten, waren unbestreitbar Chinesen).

Für die chinesische Regierung war es ein ausgezeichnetes Ablenkungsmanöver und es verschaffte ihr die Gelegenheit, der Außenwelt die Ereignisse so zu präsentieren, wie es ihr zum Vorteil gereichte. Ein Kamerad aus meiner Heimatregion, ein Mönch, der zu jener Zeit in Lhasa war, sagte: „Vor den Krawallen am 14. März demonstrierten und marschierten die Menschen friedlich, sie plünderten nicht und zerstörten kein Eigentum. Und die Soldaten, die natürlich bewaffnet waren, sahen aus einer gewissen Entfernung zu, aber griffen die Leute nicht an. Aber gegen 9 Uhr kam eine Gruppe von etwa zehn oder mehr Mönchen und einigen Laien von wer weiß woher und begann damit, vor dem Jokhang Gegenstände zu zerstören. Dann versammelten sich andere Leute um sie und es kam zu den bekannten Vorfällen. Das Außergewöhnliche daran ist, daß zu jener Zeit keine bewaffneten Sicherheitskräfte zu sehen waren, und diejenigen, die nach einiger Zeit kamen, nur Videokameras in Händen hielten, mit denen sie alles filmten. Von 9 bis 12 Uhr ließ uns die Regierung tun, was immer wir wollten. Dann jedoch wurden wir von Soldaten umringt und zwei junge Leute aus Lhasa, etwa 20 Jahre alt, wurden erschossen. Ich befand mich vor dem Ramoche Tempel und sah, wie eine alte Frau von den Soldaten zu Tode geprügelt wurde. Sie erschossen auch ein älteres Ehepaar, einen Mann und eine Frau, die dort Fleisch verkauften. So viel zu der Behauptung, daß keine Tibeter geschlagen und verhaftet worden seien.“

Die tibetische Öffentlichkeit ahnte natürlich nichts von dieser geheimen Strategie der Regierung und ließ sich leicht täuschen. Als Reaktion darauf, daß so viele gewöhnliche Menschen zusammengeschlagen und getötet worden waren, erhoben sich die Mönche der Klöster Drepung, Sera und Ganden, eines nach dem anderen, zu einem gemeinsamen großen Protest. Etwa 500 oder 600 Mönche wurden verhaftet und bestialisch geschlagen. (Mönche des Klosters Drepung wie Tsultrim Tendzin und Gepel [aus der Heimatregion des Briefschreibers] und 500 oder 600 Mönche der Klöster Sera und Ganden wurden festgenommen, und wir haben gehört, daß sich die meisten immer noch im Gewahrsam des Volksgerichts von Xining [Provinz Qinghai] befinden.)

Fortsetzung folgt…

Phayul, 13. Oktober 2008
www.phayul.com

Übersetzung: Melanie Pelka, Adelheid Dönges, Revision: Angelika Mensching
Internationale Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM)

Ähnliche Artikel:

Keine Kommentare

(Bitte eintragen)
(Bitte eintragen, wird nicht angezeigt)

Achtung: Mit dem Absenden Ihrer Nachricht erklären Sie sich damit einverstanden, dass alle eingegebenen Daten und Ihre IP-Adresse nur zum Zweck der Spamvermeidung durch das Programm Akismet in den USA überprüft und gespeichert werden.