Olympische Spiele einerseits und Repression in Tibet andererseits
Dienstag, 12.08.2008, 07:16 Uhr | Kategorien: News Allgemein, Widerstand in TibetDas TCHRD hat eine Dokumentation âVolksaufstand in Tibet 2008â herausgegeben. Am Vorabend der ersten Olympiade in China, wo die Welt intensiver als je zuvor auf das groÃe Spektakel der 29. Olympischen Spiele schaut, bringt das TCHRD sein Bedauern und sein tiefstes Entsetzen über die grobe MiÃachtung der Olympischen Grundsätze durch China zum Ausdruck. Besonders deutlich ist dies in Tibet zu spüren, wo das kommunistische Regime stur an seiner veralteten autoritären Denkweise festhält und friedliche Protestaktionen gnadenlos unterdrückt. In der letzten Zeit setzen sich die Behörden unter dem Vorwand von erhöhten SicherheitsmaÃnahmen mehr als zuvor über die grundlegenden Menschenrechte des tibetischen Volkes hinweg.
Die spontanen Proteste seit dem 10. März, die sich rasch über das ganze Land verbreiteten, sind ein Ausdruck der Verzweiflung der Tibeter infolge der Brutalität und Repression, denen die KP sie nun seit über einem halben Jahrhundert aussetzt. Ein solches Verhalten steht im Widerspruch zu dem von der Regierung gezeichneten Bild einer harmonischen Gesellschaft, und zeigt, daà die von Peking lange verfolgte Tibet-Politik ein kompletter Fehlschlag war.
Insbesondere dieses Jahr wurden die Tibeter in der Autonomen Region Tibet (TAR) und anderen benachbarten tibetischen Gebieten nach den massiven landesweiten Protesten seit dem 10. März Opfer staatlicher Willkür und Repression ohnegleichen. Ãber 200 Tibeter starben durch die Brutalität der Chinesen, über 6500 wurden an diversen Orten festgenommen und die Zahl der Verletzten geht in die Hunderte, wobei es vermutlich viele weitere Fälle gibt, von denen wir gar nichts erfahren haben.
Die Folterpraxis geht weiter
Es gibt glaubhafte Berichte, daà Personen an den Folgen der unmenschlichen Behandlung durch die chinesischen Sicherheitskräfte starben. Es sei nur ein Beispiel erwähnt: Nechung, eine 38jährige Mutter von vier Kindern aus dem Dorf Charuhu im Bezirk Ngaba, TAP Ngaba, Provinz Sichuan, starb wenige Tage nach ihrer brutalen Folterung am 17. April 2008 in einem chinesischen Gefängnis. Dawa, ein 31jähriger tibetischer Bauer aus dem Dorf Dedrong, Gemeinde Jangkha, Kreis Phenpo Lhundup, Bezirk Lhasa, starb am 1. April infolge der heftigen Schläge, die chinesische Gefängniswachen ihm versetzt hatten. Drei Mönche aus dem Bezirk Drango in der TAP Kardze wurden von den Sicherheitskräften brutal zusammengeschlagen, als sie vor der Bezirkregierung friedlich protestierten. Einer von ihnen, der 22jährige Tsewang Dakpa aus der Gemeinde Jangtha, Bezirk Drango, trug derart schwere Verletzungen davon, daà Augenzeugen ihm kaum Chancen auf ein Ãberleben einräumen. Es gab bereits Gerüchte über seinen Tod, was aber bisher nicht bestätigt werden konnte.
Thabkey, ein 30jähriger Mönch aus dem Kloster Labrang, der zusammen mit sieben anderen Mönchen festgenommen worden war, weil er vor einer Gruppe ausländischer Medienleute, die auf einer staatlich organisierten Reise durch Gansu waren, offen seine Meinung kundtat, wurde nach einigen Tagen Polizeigewahrsam in einem psychisch prekären Zustand entlassen. Sein Körper war voller Blutergüsse und Prellungen infolge der schweren Schläge, die er in der Haft erhielt.
Dehnbare Gesetze gegen politisches Abweichlertum
China greift weiterhin auf gewisse Bestimmungen des Strafgesetzbuches als politische Werkzeuge zurück, um Dissidenten unschädlich zu machen. Anklagepunkte wie âGefährdung der Staatssicherheitâ oder âStörung der sozialen Ordnungâ ebenso wie der Begriff âTerrororganisationâ entbehren im chinesischen Strafrecht der Definition, sie sind dehnbar und erlauben daher eine groÃe Auswahl von Interpretationen. Auf diese Weise kann der Staat gewaltlose politische Proteste in politisch widerspenstigen Regionen wie Tibet kriminalisieren, um dann Personen, die legitimen und friedlichen Menschenrechtsaktivitäten nachgehen, strafrechtlich zu verfolgen. China rechtfertigt seine Repression der freien Rede mit einer sehr weit gefaÃten Interpretation der ânationalen Sicherheitâ.
Neuauflage der âpatriotischen Erziehungskampagneâ in Tibet
Anfang April dieses Jahres haben die chinesischen Behörden einhergehend mit der Verschärfung der SicherheitsmaÃnahmen eine Intensivierung der ideologischen Erziehung und Propagandaarbeit in Tibet in der Absicht angeordnet, eine âanti-separatistische Gesinnung aufzubauenâ. Durch diese erneute âpatriotische Erziehungskampagneâ, die diesmal alle Teile der tibetischen Gesellschaft betrifft, nahm die religiöse Repression ebenso dramatisch zu wie die Zahl der Festnahmen derjenigen, die sich weigerten, an der Kampagne mitzumachen, bei der sie gezwungen werden, den Dalai Lama zu diffamieren und sich gegen ihn zu stellen. Fast alle gröÃeren monastischen Institutionen in Tibet sind durch ein groÃes Aufgebot an Sicherheitskräften, die seit den Protesten vom 10. März in allen Regionen stationiert wurden, von der AuÃenwelt abgeriegelt. Noch nicht einmal ethnisch tibetische Mitglieder der KP werden verschont; am 21. April verkündete Dorjee Tsering, der Bürgermeister Lhasas, daà die âpatriotische Umerziehungâ für Parteikader ein âStandard-Lackmus-Testâ sowie der MaÃstab sei, an dem die Loyalität zur Partei gemessen werde. Die Kampagne wird als ein Werkzeug eingesetzt, um das voll unter Kontrolle zu bringen, was die Behörden als âBrutstätte des Dissensâ bezeichnen, nämlich die monastischen Einrichtungen. Die zwangweise Durchführung der Kampagne, um die Bevölkerung zur Loyalität dem Staat gegenüber zu erziehen, verstöÃt unmittelbar gegen viele internationale, die Religion betreffende Menschenrechtsbestimmungen.
Neue MaÃnahmen zur Säuberung der Klöster und Reduzierung ihrer Belegschaft
Ãber diese Kampagne hinaus bezwecken neue MaÃnahmen, die am 28. Juni in der TAP Kardze eingeführt wurden, die Klöster von unliebsamen Mönchen zu säubern und ihre religiöse Praxis einzuschränken. Darin kann man einen neuen systematischen Angriff auf den tibetischen Buddhismus sehen, was sich als sehr störend auf das Leben der Mönche und Nonnen auswirken wird. Das TCHRD hat zahlreiche Fälle dokumentiert, wo Tibeter festgenommen wurden, weil sie sich der âpatriotischen Erziehungskampagneâ widersetzten.
Verhängung überlanger Gefängnisstrafen
Von all den bisher vor Gericht gestellten und verurteilten Tibetern, wurde keinem ein fairer Prozeà und das von den internationalen juristischen Bestimmungen geforderte Recht auf gesetzliche Vertretung zugestanden. Am 29. April verurteilte das Mittlere Volksgericht Lhasa 30 Tibeter zu Gefängnisstrafen von drei Jahren bis zu lebenslänglicher Freiheitsstrafe. Am 19. und 20. Juni sprachen vier Lokalgerichte in Lhasa und der Präfektur Lhoka in einem willkürlichen und summarischen Verfahren die Urteile über 12 weitere Tibeter, ohne daà diese durch einen Rechtsbeistand vertreten worden wären. Damit folgten sie dem Aufruf der KP und der Regierung der TAR zu âschnellen und zügigen juristischen Verfahren, um energisch gegen die Separatisten und die Dalai Clique vorzugehenâ.
Das TCHRD ist sehr besorgt und fürchtet das Schlimmste für die tibetischen Demonstranten, die aus politischen Gründen in Untersuchungshaft sitzen und denen die Verurteilung durch ein Gericht noch bevorsteht. In Anbetracht der Schwere des Urteils gegen all jene Tibeter, die in den letzten Monaten friedlichen Gebrauch von ihren grundlegenden Menschenrechten machten, befürchtet das TCHRD, daà jene, die die Proteste anführten und jene, die von den Behörden als die Drahtzieher der Proteste betrachtet werden, die härtesten Strafen bekommen. So sagte doch der Vize-Gouverneur der TAR, Pema Trinly, bei einer Pressekonferenz am 10. Juli in Bezug auf die 116 Verdächtigen, gegen die noch ermittelt wird, daà âeinige dem chinesischen Gesetz gemäà zum Tode verurteilt werdenâ könnten.
Während es allgemein bekannt ist, daà die Tibeter verurteilt wurden, weil sie politischen Dissens zum Ausdruck brachten, haben die staatlichen Medien ihre Aktivitäten als bloÃe Straftaten heruntergespielt und sie lediglich als Fälle von Brandstiftung, Plünderung, Diebstahl, Rowdytums usw. hingestellt, anstatt als Akte zum âAusdruck von politischem Dissensâ. Peking will die Realität der politischen Natur der tibet-weiten Proteste nicht einsehen. Um seine Repression in Tibet zu verbergen, hat China das gesamte Hochplateau praktisch abgeriegelt und jegliche Kommunikation unterbunden, was in Widerspruch zu seinem Versprechen steht, im Hinblick auf die Olympischen Spiele Offenheit walten zu lassen. Die Härte der Urteile beweist ja gerade, daà es sich dabei nicht um geringfügige kriminelle Delikte handelt, sondern daà es um das gröÃere Thema des politischen Dissens geht, aber die staatlichen Medien reden absichtlich nicht davon.
Neues Ultimatum an TAR-Parteimitglieder und Angestellte im öffentlichen Dienst
Darüber hinaus haben die chinesischen Behörden kürzlich zahlreiche MaÃnahmen und Schritte eingeleitet, um die Kontrolle über das tibetische Volk noch weiter zu verschärfen, wobei sie jede Schicht der Gesellschaft in die Zange nehmen. Die jüngste Zielscheibe sind die ethnischen tibetischen KP-Mitglieder und die staatlichen Angestellten, denen am 14. Juli ein zweimonatiges Ultimatum gestellt wurde, ihre Kinder zurückzurufen, die an von der Dalai Clique betriebenen Bildungseinrichtungen eingeschrieben sind; im Falle der Nichtbefolgung der Order werden sie aus der Partei ausgeschlossen und verlieren ihre Stelle beim Staat.
Politisierung der Olympischen Spiele: Durch wen?
Während die Regierung der VR China über die Politisierung der Olympiade klagt, um die internationale Kritik an ihrem Verhalten in Sachen Menschenrechte abzuwenden, ist es doch sie selbst, die von Anfang an, als ihr die Olympischen Spiele zugesprochen wurden, die Menschenrechtsfrage benutzt hat, um die Spiele zu politisieren. Und Peking miÃbraucht die Spiele weiterhin, um seine politische Agenda vorwärts zu treiben. Während des Fackellaufs durch Lhasa, bombardierte der TAR-Parteisekretär Zhang Qingli ein ausgewähltes Publikum mit politischen Aussagen wie, daà âder Himmel über Tibet nie ein anderer werden und die rote Flagge mit den fünf Sternen für immer hoch über ihm wehenâ werde. Der als Hardliner bekannte KP-Generalsekretär drohte bei der Fackelzeremonie: âWir sind durchaus in der Lage, die spalterischen Komplotte der Dalai Clique total zu zerschmetternâ.
Gebrochene Versprechen
Während der Bewerbung um die Olympiade 2008 und nachdem das IOC Peking am 13. Juli 2001 den Zuschlag gab, versicherten die Funktionäre in China, daà die Menschenrechtslage sich als Folge der Austragung der Spiele verbessern würde. Das Gegenteil ist jedoch der Fall, und die Menschenrechtslage in Tibet, die schon vorher schlecht war, ist in den letzten Monaten absolut trostlos geworden, begleitet von einer Intensivierung der SicherheitsmaÃnahmen und der Schaffung eines Klimas der Furcht. Die Bewegungsfreiheit der Menschen wurde drastisch eingeschränkt und ihre grundlegenden Menschenrechte beschnitten. Die Unterdrückung des politischen Dissens ist wegen der Olympiade eher schlimmer geworden als daà sie abgenommen hätte, und China ist seinen bei der Zuerkennung der Spiele gemachten Zusagen, die Menschenrechtslage zu verbessern, nicht nachgekommen.
Das TCHRD ruft die VR China auf, die willkürlichen Festnahmen, die Unterdrückung religiöser Praxis und der religiösen Institutionen einzustellen, die patriotische Erziehungskampagne zu beenden, die Inhaftierten zu entlassen, den internationalen Medien freien Zugang nach Tibet zu gewähren, keinen Gebrauch von Folter mehr zu machen, um einen Inhaftierten zu einem Geständnis zu zwingen, sowie jenen, gegen die ermittelt wird, ein gerechtes Gerichtsverfahren zu gewähren. Es fordert substantielle Reformen in einigen der wichtigsten Bereiche, die mit den zentralen olympischen Werten des âRespekts vor den universellen grundlegenden ethischen Prinzipienâ und der Wahrung der menschlichen Würde verbunden sind.
Das TCHRD wünscht, daà die Spitzenpolitiker und Würdenträger, die die Pekinger Olympiade besuchen, wegen des brutalen Vorgehens Pekings und der Politik der kommunistischen Hardliner in Tibet offen ihre Stimme erheben und daà sie individuellen chinesischen Menschenrechtsaktivisten Unterstützung zusagen. Wenn sie das nicht tun, dann senden sie damit ein falsches Signal aus, nämlich, daà es für eine Regierung akzeptabel ist, die Olympiade in einer Atmosphäre von Unrecht und Repression abzuhalten.
Das TCHRD veröffentlicht auf einer DVD einen kurzen Dokumentarfilm mit dem Titel âDie Volkserhebung in Tibet 2008â mit Kommentaren in Englisch und Tibetisch über die Proteste seit dem 10. März in ganz Tibet in chronologischer Reihenfolge, wodurch ein Schlaglicht auf die verschiedenen Menschenrechtsverletzungen durch die chinesischen Behörden am tibetischen Volk im besetzten Tibet fällt.

Tibetan Centre for Human Rights and Democracy (TCHRD)
Dharamsala, e-mail: office@tchrd.org, www.tchrd.org
Pressemitteilung, 7. August 2008Ãbersetzung: Adelheid Dönges, Revision: Angelika Mensching
Internationale Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM)
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